Themen: Kuss, Flirt, Sex & Liebe

Was Knutschen für Mädels wirklich bedeutet

Ist ein Kuss intimer als Sex?

Küssen ist doch kein Fremdgehen, sagt meine Freundin. Küssen ist viel intimer als Sex, sage ich! Und hier ist der Beweis. 

Sonntagnachmittag. Meine Freundinnen Lisa, Ariane, Emilia und ich hatten uns beim Chinesen um die Ecke ein paar Frühlingsrollen und gebackenes Huhn geholt und saßen jetzt in Kissen gekuschelt bei Jenny auf der Couch in ihrem kleinen Appartment unterm Dach. Draußen prasselte der Regen gegen die Scheiben und während wir uns herrlich faul unserem Plausch hingaben, kamen wir irgendwann auf den Unterschied zwischen Küssen und Sex.

Letzte Nacht war aufregend und lang gewesen. Lisa, die ich für ihre lebensbejahende, unerschrockene Art liebe, hatte im Club Alex kennen gelernt und heftig mit ihm geflirtet. Während sie sich eine Marlboro anzündete, berichtete sie gestenreich von ihrem Flirt, über den sie nicht viel mehr wusste, als dass er Motorcross fuhr und aus Frankfurt kam. Fragmente einer wilden Nacht, von denen es für Lisa schon viele solcher Art gegeben hatte.

„Irgendwie brauche ich das“, grinste Lisa. „Das ist einfach kein guter Abend für mich gewesen, wenn ich nicht flirten und küssen kann!“ Sie schnippte die Asche in den Aschenbecher und warf die langen, blonden Haare zurück, mit denen sie die Männer scharenweise eroberte. „Das hat für mich auch nichts mit Betrügen zu tun. Ist ja nur ein Kuss.“

„Kann ich nicht verstehen“, antwortete meine Freundin Ariane, Typ junge Kate Moss in stone-washed Jeans und mit verwuscheltem Bob. „Ich kann ohne Probleme mit einem Kerl ins Bett gehen, aber küssen würde ich ihn nie!“

„Also, ich finde auch. Es ist viel schwerer, jemanden, den ich nicht mag zu küssen, als mit ihm zu schlafen. Da kann ich einfach die Augen zu machen und mich treiben lassen. Das geht beim Küssen nicht“, warf Emilia ein, die vor uns auf den Tisch eine große Schale belgische Pralinen stellte. Die guten mit der Nougat-Füllung. Emilia, kurz Mia, ist meine älteste Freundin, gutmütig, verlässlich, mit ein paar Kilo zu viel an ihrem 1,65 m-Körper, die die vielen Mädelsabende auf dem Internat hinterlassen hatten.

„Was denkst du, Jill? Was ist intimer: Küssen oder reiner Sex?“, fragte mich Lisa und schob sich eine Praline in den Mund. Ich hatte nach dem Abi ein Jahr in England gelebt und dort derlei Gespräche oft geführt. Die englischen Mädels, die ich kennen gelernt habe in dieser Wahnsinns-Zeit, waren unglaublich offen und gaben intime Details ohne Scheu preis.

Vor meinem geistigen Auge ging ich die Männer durch, mit denen ich geflirtet hatte und wo aus einem Flirt mehr geworden war – auch und oft in der Zeit in England, wo das ganze Leben ohne große Verpflichtungen vor einem lag und alles ein großer Spaß war.

Ich erinnerte mich an die Male in meiner Singlezeit, in denen ich mich voller Abenteuerlust in die Nacht gestürzt hatte und nach einigen Drinks mit einem Mann im Bett gelandet war. Weitestgehend namenlos, ohne erinnerungswürdige Eigenschaften und selten mit dem Wunsch auf ein echtes Date danach.

Um ehrlich zu sein: Keine Momente, an die ich mich deutlich erinnere(n will). Mir fehlt die Geschichte hinter der leeren Hülle, an der ich mich festhalten kann, die etwas in meinem Leben hinterlässt. Mit Intimität hatte das wenig zu tun.

Plötzlich schießen mir Bilder durch den Kopf von all den leidenschaftlichen Küssen mit denen, die ich geliebt habe. Ich erinnere mich, wie ich meinem Partner vertraut habe, mich sicher und geborgen gefühlt habe und mit jedem Kuss sagen wollte: Ich schenke dir meine Liebe, ich bin für dich da, ich gehöre nur dir. Küsse können so viel mehr Emotionen ausdrücken als es Worte je könnten. Küsse sind nie lächerlich oder falsch ausgedrückt. Küsse geben unmittelbar und ehrlich Antwort, sie verstellen sich nicht.

Ja, Küssen ist viel, viel intimer als Sex.

Sex funktioniert ohne Gefühle. Der reine Akt kann erfüllend sein, aber muss er deshalb intim sein? Ich glaube nicht. Ich kann meine Augen schließen und mir vorstellen ich schlafe mit Robert Pattinson. Ich kann wilden, animalischen Sex haben und meinen Orgasmus laut herausschreien, ohne mich danach in der Löffelchenstellung ankuscheln zu müssen.

Intimität heißt für mich, dass ich meine verletzliche Seite preisgeben kann, ihn so nah an mich heranlasse, wie es nur geht, seinen Atem spüre, in seine Augen schauen kann und von dort direkt in seine Seele. Und er in meine.

Man kann einfach nicht stundenlang auf dem Bett liegen und knutschen, wenn man keine Gefühle für den anderen hat, die weitergehen als bloße sexuelle Anziehung.

„Jill?“ Lisa gibt mir einen leichten Schubs und holt mich so aus meinen Gedanken wieder zurück in Mias Appartment. „Was meinst du dazu?“

Foto: Studio10Artur/Shutterstock.com

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