Themen: Markus, Strunk

Heinz Strunk: Die Zunge Europas

Ein kleines Leben, groß geschildert.

Strunk ist der Maître des Nichts, der Nicht-Spannung, des Nichts-Veränderns, der dem literarisch wie filmisch immergleichen Aufbau „Gleichgewicht-Störung-Neues Gleichgewicht“ mit der Dampfwalze der ewigen, elenden Mitte auf die Pelle rückt. Im Leben seines Alter Ego, Markus Erdmann, ist einfach nichts los. Sieben Tage darf der Leser bzw. Audiobook-Hörer diesem Nichts, dieser Leere folgen – und wird am Ende nichtsdestoweniger dieses Nichts mit einem erfüllten Gefühl verlassen. Warum? Strunk erkennt noch in den am abwegigsten erscheinenden Momenten seines tragischen Helden, in denen wir Aversion oder Ekel, bestenfalls Desinteresse empfänden, die Romantik, die tiefe, dem Istzustand zugrunde liegende Trauer (wie schon im Vorgängerbuch) und weiß sie einmal mehr mit einer spröden Wortakrobatik, deren Eleganz sich auf den zweiten Blick erschließt, mit echtem Mitgefühl, das sich hinter Zynismus nur scheinbar verbirgt, zu beschreiben. Nichts schmeckt so gut, wie Dünnheit sich anfühlt.


Worum geht es? Markus besucht seine Großeltern in der «Käfersiedlung». Oma kocht Markus was Schönes. Großvater wird zusehends seniler. Aber nicht nur sonntags herrscht bei Markus Routine oder, sagen wir es ruhig, Langeweile: Auch in der "Beziehung" zu Sonja ist alles Feuer erloschen. Sein Geld verdient er als Gagschreiber. Meist für Sven, einen Comedian, der auch schon bessere Tage gesehen hat. Markus soll es richten, denn so gut Sven auf der Bühne ist, Humor hat er keinen. Dafür Erfolg bei den Frauen, aber das bedeutet ihm nicht viel. Markus auch nicht, aber der hat ja auch keinen Erfolg. Dann trifft Markus im Zug Janne. Die ist mit ihm zur Schule gegangen und spielt in einer ganz anderen Liga. Trotzdem scheint sie sich für ihn zu interessieren. Kann sie Markus aus diesem ganzen Elend erlösen? Oder kommt Rettung eher von Onkel Friedrich, dem legendären Kaffeekoster aus dem Hamburger Freihafen, den sie „die Zunge Europas“ nennen?
An dieser Stelle würde die Frage offen stehen bleiben. Doch wir nehmen es vorweg: Die Rettung, die Befreiung aus seinem falschen Leben kann dem tragischen Helden nur selbst gelingen. Denn es geht um alles: Sein einziges Leben.

Ein großartiges Werk, das es ab sofort als Buch und Hörbuch zu kaufen gibt.

www.rowohlt.de
www.roofmusic.de

Hörprobe hier!

HEINZ STRUNK Lesereise
21.10.08 Bremen, BLG Forum
22.10.08 Bielefeld, Kamp
23.10.08 Münster, Prinzipalsaal
24.10.08 Köln, Comedia
25.10.08 Heidelberg, Karlstorbahnhof
26.10.08 Düsseldorf, ZAKK
03.11.08 Göttingen, Junges Theater
04.11.08 Würzburg, Saalbau Luisengarten
05.11.08 Stuttgart, Wagenhallen
06.11.08 Erlangen, E-Werk
07.11.08 München, Kammerspiele
08.11.08 Konstanz, Stadttheater
09.11.08 Frankfurt a.M., Mousonturm
26.11.08 Kiel, Metro Kino
27.11.08 Flensburg, Max
28.11.08 Oldenburg, Kulturetage
29.11.08 Lübeck, Filmhaus
02.12.08 Osnabrück, Haus der Jugend
03.12.08 Köln, Gloria
04.12.08 Trier, Vareté Chat Noir
05.12.08 Marburg, KFZ
07.12.08 Hamburg, Schauspielhaus
11.12.08 Wolfenbüttel, Bundesakademie
16.12.08 Berlin, Volksbühne
17.12.08 Leipzig, Schauspielhaus
18.12.08 Hannover, Capitol
19.12.08 Mülheim/Ruhr, Ringlokschuppen

Mit seinem neuen Buch Die Zunge Europas qualifiziert sich Heinz Strunk endgültig für den Titel „bester zeitgenössischer Chronologist des alltäglichen Wahnsinns“. Strunk, im Triumvirat des Studio Braun mit postpubertären Quatschanrufen herangewachsen und seit Fleisch ist mein Gemüse mehr als nur ein Geheimtipp für alle, die das literarisch auf so vielen Klaviaturen bespielte Motiv des charmanten Losers wertschätzen – sei es aus rein adaptiver Identifikation, sei es aus dem typisch populärkulturellen Habitus des „defining the self through the other“ (je uncooler das lyrische, desto cooler das wahre Ich) – all diese Leute bekommen mit dem vorliegenden Nachfolgeroman nun den endgültigen "Guide to Nowhere" an die Hand.

Teile diesen Beitrag:
Kommentare
Das könnte dich auch interessieren